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Wissenschaft – Mittwoch, 21. Dezember 2005
Von Rahel Brunner
Langsam dreht sich die Kuppel der Sempersternwarte der ETH Zürich Richtung Süden. Der hellblaue Rollladen, der die schmale Längsöffnung in der Kuppel bedeckt, gleitet hinunter und gibt die Sicht frei auf den Nachthimmel. Mit einem Blick versichert sich Barbara Burtscher, dass das Teleskop korrekt ausgerichtet ist, und schliesst die Tür wieder über den Schaltern in der holzvertäfelten Wand. Vorsichtig besteigt sie die Leiter und blickt mit dem rechten Auge konzentriert durch das Suchrohr. Mit dem linken Auge sucht sie am Himmel nach dem Sternbild Andromeda und richtet das Fadenkreuz danach aus – das braucht Übung. Erst jetzt wechselt sie auf das grosse Teleskop, das ein Abbild der Andromeda auf den Computer projiziert. Hat sie das Sternbild einmal im Teleskopfeld, kann Barbara Burtscher auch jedes andere lokalisieren – die 20-jährige Physikstudentin der Universität Zürich hat die ganze Sternenkarte im Kopf. Wann immer es Witterung und Zeit zulassen, beobachtet sie in der Sempersternwarte zusammen mit ihrem Freund Martin Signer den Himmel. Europäische AuszeichnungSeit ihrem vierzehnten Lebensjahr beschäftigt sich Barbara Burtscher mit den Sternen: «Der Himmel fasziniert mich. Wenn ich hochblicke, sehe ich nur einen Stern, durch ein Teleskop aber sehe ich seine Oberfläche und all die schönen Farben.» Mit ihrem Hobby hat sie schon mehrere Wettbewerbe gewonnen – vor einem Monat den europäischen «Sky Watch»-Wettbewerb für Schüler und angehende Wissenschaftler. Mit ihren Beobachtungen und Analysen des Objekts 2003 UB 313 und des Asteroiden 2017 Wesson errang sie den ersten Platz. Das im Januar 2005 entdeckte Objekt 2003 UB 313 soll grösser als Pluto sein und wird von vielen als 10. Planet bezeichnet. Ob es ein Planet oder Asteroid ist, wird zurzeit noch geklärt. 2017 Wesson wurde 1903 entdeckt und gehört mit 256 Kilometern Durchmesser zu den grösseren Asteroiden. «Ich war sehr stolz, als mich die Jury aus dem Publikum nach vorne rief», erinnert sich Barbara Burtscher. Besonders gefreut hat sie, dass die anwesenden Astronomieexperten sie gebeten haben, das nächste Mal als Jurymitglied teilzunehmen. Denn: «Das sind die europäischen Topleute der Astronomieforschung, es ist sehr nützlich, sie zu kennen.» Teleskop gewonnenFür die Wettbewerbsarbeit wichtige Computerprogramme hatte sich Barbara Burtscher diesen Sommer in einem Praktikum am Max-Planck-Institut angeeignet. Die neuen Kenntnisse halfen ihr, die Bilder für den Wettbewerb zu interpretieren und unter anderem die Geschwindigkeit, Grösse und Rotationsdauer des Asteroiden 2017 Wesson zu bestimmen. Als Siegerin des Wettbewerbs darf sie ein Jahr lang Beobachtungsaufträge an die Observatorien auf La Palma senden – ihr Hauptinteresse gilt weiterhin dem 10. Planeten. Nicht nur Beobachtungsaufträge, sondern auch ein Teleskop hat Barbara Burtscher gewonnen. «Die erste klare Nacht nach dem Wettbewerb haben Martin und ich draussen verbracht und mit dem neuen Teleskop Venus, Mondkrater und Pleiaden angeschaut.» Sie gibt ihrem Freund einen Kuss. «Es kommt auch vor, dass ich mitten in der Nacht aufstehe, um mir Sterne anzusehen.» «Das stimmt», bestätigt Martin Signer, mit dem sie seit August letzten Jahres zusammenwohnt. Letzten Sonntag um 1 Uhr nachts habe sich Barbara das Teleskop geschnappt und draussen im Pyjama den Orionnebel anschauen wollen. «Ich konnte sie immerhin überreden, Schuhe und eine Jacke anzuziehen.» Der Orionnebel fasziniert Barbara Burtscher wegen seiner Farben, am spannendsten aber findet sie die Kometen, da diese sich ständig verändern. «Ich möchte gerne einmal einen Kometen entdecken», sagt sie, und zu ihrem Freund gewandt: «Komm, das machen wir, das ist gar nicht so unrealistisch, es gibt immer wieder Hobbyastronomen, die einen Kometen finden.» Taufen möchte sie ihn dann nach ihrem und dem Nachnamen ihres Freundes Burtscher-Signer. Barbara Burtscher schrieb schon ihre Maturarbeit über Kometen. Ab März 2002 beobachtete sie im Observatorium der Kantonsschule Heerbrugg während eines ganzen Jahres den Kometen 153P/Ikeya-Zhang. Dank Sonderpreis nach ChileIn der Sternwarte der Kantonsschule hatte sie im Rahmen eines Freifachs zum ersten Mal durch ein Teleskop geschaut. Seither hat sie die Neugier auf die Geheimnisse des Himmels nicht mehr verlassen. Für «Schweizer Jugend forscht» ergänzte sie ihre Maturarbeit und durfte mit der erweiterten Fassung an einem Wettbewerb der Europäischen Union für junge Wissenschaftler teilnehmen. Sie gewann den Sonderpreis und erhielt vergangenen März eine Woche lang Einblick in die grössten Observatorien der Europäischen Südsternwarte Eso in Chile: das Observatorium La Silla im Süden der Atacama-Wüste und das Observatorium mit dem Very Large Telescope (VLT) auf dem Berg Cerro Paranal. «Der Spiegel des VLT hat einen Durchmesser von 8,2 Metern – die Bilder, die man damit aufnehmen kann, sind sagenhaft», ist Barbara Burtscher beeindruckt. Die Reise nach Chile war ein Grund, weshalb sie sich für den «Sky-Watch»-Wettbewerb eingeschrieben hatte, denn «ich erhoffte mir, vielleicht noch einmal eine Reise zu gewinnen». Ihre Entdeckungsfreude reicht aber über fremde Länder und die Betrachtung des Himmelsgewölbes aus der Ferne hinaus: Immer schon habe sie einmal von oben auf die Erde hinabschauen wollen, erzählt sie. Astronautin war als Kind ihr Berufswunsch. Seit sie einen Vortrag des Schweizer Astronauten Claude Nicollier gehört hat, ist sie jedoch skeptisch: «Reizen würde es mich sehr, aber es gibt halt immer das Risiko, dass etwas schief läuft.» Irdische KarriereSie sei eher ein vorsichtiger Mensch und verliere nicht gern die Kontrolle, sagt Barbara Burtscher. Deshalb zieht sie der Astronautenlaufbahn momentan eine irdische Karriere vor. In einem Jahr beginnt sie mit dem Masterstudium und wird voraussichtlich das Fach Astrophysik belegen. Im Nebenfach ist sie bereits für Finanzmathematik eingeschrieben. Dies geht auf den Einfluss ihres Freundes zurück; mit ihm hat sie diesen Sommer die Finanzberatungsfirma 4finance gegründet. Ob sie eine Wirtschaftskarriere, eine Akademikerlaufbahn oder doch noch eine Astronautenausbildung anstrebt, steht im Moment noch in den Sternen. Dass die Sterne ihre Zukunft und ihr Schicksal voraussagen können, glaubt Barbara Burtscher aber nicht: «Ich halte nichts von Astrologie.» Ebenso kritisch ist sie, was ihre eigenen Arbeiten angeht – wenn sie eine Studie abgibt, soll sie perfekt sein. «Oft habe ich wegen winziger Details einen riesigen Aufwand, aber ich möchte eben, dass meine Arbeit alles ausschöpft und hundertprozentig stimmt.» Mit derselben Akribie wird sie, sobald sie Zeit findet, ihre Bilder des Venus-Transits auswerten. Letztes Jahr im Juni wanderte die Venus als dunkler Fleck über die Sonne. Zusammen mit Freunden hatte Barbara Burtscher die Venus von der Sempersternwarte einen ganzen Sommertag lang beobachtet. In den Winternächten aber ist es kalt in der Sternwarte. «Manchmal friere ich mir fast die Finger ab, wenn ich hier oben bin», sagt Barbara Burtscher und greift hinter die Holzvertäfelung. Auf den Knopfdruck schliesst sich die Öffnung im Dach, und die Semperkuppel dreht sich langsam wieder gegen Osten. http://www.astrophysics.ch/ [TA 21.12.2005]
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